Crowdworking als Lebensstil – Freie Produzenten im Spannungsfeld zwischen Eigenausbeutung und Entgeldregularien

Was früher nur ein Hobby war, ist längst zu einem Geschäftsmodell für junge Unternehmer und Medienschaffende im Netz geworden – Crowdworking. Wir erklären die Entwicklung eines Lebenstils.

Was ist eigentlich “Crowdworking”?
“Internetbasiertes Crowdsourcing war in den Neunzigern war vor allem eine Freizeitaktivität von Programmierern und Journalisten, die auf digitalen Plattformen ihrer Kreativität freien Lauf ließen, und das außerhalb ihrer Unternehmen.”, so Stefan Stumpp, Doktorand am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Heute ist Crowdsourcing, also das Schöpfen von Einfallsreichtum und Arbeitskraft aus einer Menge von “Freien Produzenten” auf digitalen Plattformen, Geschäftsmodell und neue Form des kooperativen Arbeitens in verschiedensten Berufszweigen. Nicht nur freischaffende Grafikdesigner, Fotografen, Produktentwickler, Medienschaffende, nein auch etablierte Unternehmen versuchen diese Art der Zusammenarbeit innerbetrieblich nachzuahmen bzw. zu kooptieren, um so von deren Innovationsfähigkeiten und Produktionskapazitäten zu profitieren.

“Lernerfahrung” als Alibi für Dumpinghonorare

Stefan Stumpp, der auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Anhalt im Masterstudiengang Online Kommunikation tätig ist, stellt bei seiner Arbeit fest, dass da nicht nur unheimlich viel kreatives Potential freigelegt wird, sondern oftmals richtig Geld gespart wird. Denn Arbeitskraft und Einfallsreichtum der Crowd werden auch durch kommerzielle Plattformen genutzt. Und nicht nur das: Tausende von freien Gestaltern, Informatikern, Produzenten, etc,. stellen damit auch ihre  Infrastruktur (IT-Ausstattung, Wohnung/Büro, Autos,…) quasi zur Verfügung –  anders als bei herkömmlichen Unternehmen – und werden dadurch auch zu deren Konkurrenten.

Feste Vergütungen  oder Regeln für  Crowdworking gab es bislang nicht. Das ist wohl der bisherigen Wahrnehmung von Kollaborationsprojekten  als Teil der gemeinschaftsorientierten P2P-Welt geschuldet. Meist wird diese Arbeit als “Lernerfahrung” betrachtet. Im Kontrast dazu steht die Rolle der Plattformbetreiber/ -gesellschafter und die Möglichkeiten der sich formierenden Kollaboration mit entsprechender Entlohnung. Das führt zu einem Machtgefälle zwischen den Plattform-Entrepreneuren und den Crowdworkern. Fakt ist, konstatiert Stumpp, dass freischaffende Kreative und IT-Fachleute sehr viel Zeit in Crowdworking-Projekte investieren. So sind nach seiner Umfrage 43% der IT-Fachleute bis zu 40 Arbeitsstunden pro Monat  in Plattform-Projekten unterwegs, 22% sogar bis zu 100 Stunden. Und die Vergütungen sind oft nicht adäquat.

In diese Regulationslücke stoßen zunehmend auch Gewerkschaften, nicht weil sie die Samariter ein wollen, sondern u.a. um Mitglieder zu gewinnen. Gewerkschaften stehen vor dem Dilemma, dass ihre Mitglieder diese neue Arbeitsform als Bedrohung ansehen und die postindustriellen Crowdworker mit ihrer individualistischen Einstellung nicht besonders gewerkschaftsaffin sind.

“Gewerkschaften sind out!”

“Gewerkschaften sind out!”, bekommt der studierte Ökonom Stumpp oft zu hören. Crowdworker scheinen sich auch selbst zu organisieren mit eigenen Plattformen, so dass Gewerkschaften mit ihrer Kernkompetenz, Interessensvertretung, eventuell nicht gefragt sind.

Jetzt gibt es eine Untersuchung, welche Rolle Gewerkschaften spielen könnten. Dafür hat Stefan Stumpp mit seinem Kollegen Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani Crowdarbeiter von zwei großen, in Deutschland angesiedelten Plattformen befragt (u.a. Jovoto, Aufträge werden eingestellt, Gestalter erstellen dazu Konzepte, die Fachleute bewerten, Iterationsschleife, bester Entwurf wird realisiert) zu ihren Bedarfen bezüglich Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Rolle, die Gewerkschaften bei der Umsetzung dieser Verbesserungen spielen könnten.

Problemlösung in Sicht

Erste Ergebnisse der Untersuchung und hinzugezogener internationaler Beispielfälle zeigen, dass ein Lösungsansatz die Herstellung von mehr Transparenz bei Online-Ratings und Feedback ein wichtiger Schritt wäre, aber das allein nicht ausreicht. Auch der Reflex einiger Gewerkschaften, die Shared-Economy im gleichen Wege wie die tradierten Unternehmen zu regulieren (Mindestlohn etc.), wird als weniger fruchtbringend angesehen. Im Gegensatz dazu  scheinen drei Strategien zielführender zu sein:

Stumpp beobachtet, dass sich Gewerkschaften als Kooperationspartner von Crowdworker-“Selbstorganisationen” etablieren. Crowdworker organisieren sich selber sehr effizient, aber es mangelt ihnen an Kraft, Durchstehvermögen und Erfahrungen bei Verhandlungen zur Durchsetzung von Forderungen bei den Plattform-Eignern. Eine Arbeitsteilung zwischen Crowdworker-Vereinigungen und Gewerkschaften zeigt erste Ergebnisse: Vereinigungen verbünden sich mit Gewerkschaften, welche in deren Namen Verhandlungen führen.

Weiterhin können Gewerkschaften als Regel-“Wächter” auftreten. Regeln leiten die Zusammenarbeit  zwischen Crowdworkern, Plattformen und deren Kunden. Gewerkschaften sind fachlich und personell in der Lage, die Fairness dieser Regeln zu überprüfen – meistens Urheberrechtsfragen.

Und nicht zuletzt sieht Stefan Stumpp die Gewerkschaften als Inkubatoren von fairen Plattformen und einhergehender fairer Crowdarbeit: Die Erfahrung von Gewerkschaften beim Zertifizieren von Plattformen-Regularien könnte “wiederverwendet” oder erweitert werden. Ein Hub könnte geschaffen werden, das faire Regelungen an StartUps vertreibt, und so zu einem “gerechten” neuen Wirtschaftszweig beiträgt.

Mehr dazu in seinem Vortrag auf der Fachkonferenz TCCM16 in Magdeburg, am Freitag, den 19.02.2016, ab 14 Uhr.

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Über Sabine

Sabine Falk-Bartz ist Fernsehjournalistin und arbeitet im Studiengang als wissenschaftliche Mitarbeiterin für PR und Kooperation und begleitet regelmäßig Praxisprojekte mit journalistischen Bezügen. Sie ist die Schnittstelle zwischen Referenten und Konferenzorganisation.

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Sabine Falk-Bartz ist Fernsehjournalistin und arbeitet im Studiengang als wissenschaftliche Mitarbeiterin für PR und Kooperation und begleitet regelmäßig Praxisprojekte mit journalistischen Bezügen. Sie ist die Schnittstelle zwischen Referenten und Konferenzorganisation.

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