Was sind mir meine persönlichen Daten wert im Internet?

Wer sich im Netz bewegt, gibt schnell mehr über sich preis, als es dem User lieb ist. Mal bewusst, mal unbewusst greifen Konzerne und Werbetreibende Daten über uns ab. Wie können sich User schützen und was sind Daten im Netz überhaupt wert? Eine Zusammenfassung.

Wir alle hinterlassen Spuren im Netz – mal freiwillig, mal notgedrungen. Mal bewusst, mal unbewusst. Der digitale Fußabdruck ist ein Begriff, der häufig verwendet wird, wenn es um die Frage geht, wie viel unserer Identität wir im Internet preisgeben, indem wir online einkaufen, surfen, netzwerken.

Dass die persönlichen Daten dabei längst zur Ware geworden sind, ist wahrlich keine Neuigkeit mehr, im Gegenteil: Meglena Kuneva, ehemalige EU-Kommissarin für Verbraucherschutz, beschreibt sie  als das „neue Öl des Internets und die neue Währung der digitalen Welt“ 1.

Sehen das die Nutzer_innen genauso? Was wäre, wenn wir unsere eigenen Daten tatsächlich als Währung behandeln würden? Oder anders formuliert: als Ware, mit der wir handeln? Welchen Preis würden wir verlangen für die eigene Adresse? Für das Einkommen? Für die Gesundheitsdaten? Was sind uns unsere persönlichen Daten wert im Internet?

Das Privacy Paradox

Ein möglicher Ausgangspunkt, um sich dem Wert persönlicher Daten im Internet wissenschaftlich zu nähern, ist das Phänomen des sogenannten Privacy Paradox. Nutzer_innen äußern sich in Befragungen zwar besorgt um die Sicherheit ihrer Daten, diese Sorge wirkt sich jedoch nicht oder kaum auf ihr Nutzungsverhalten von Online-Diensten aus. Diese Diskrepanz zwischen Einstellung und tatsächlichem Verhalten wurde erstmals 2001 nachgewiesen von Sarah Spiekermann, Jens Grossklags und Bettina Berendt 2. Die Wissenschaftler_innen der Humboldt-Universität zu Berlin untersuchten zunächst über einen Fragebogen die Einstellung der Probanden zu Privatsphäre und Datenschutz. Im Anschluss sollten diese in einem Experiment im Labor online Produkte einkaufen – ein programmierter Software-Agent stand als Verkaufsberater zur Verfügung und stellte zahlreiche persönliche Fragen zu ihrem Lebenstil. Zur Überraschung der Wissenschaftler_innen wurden 86 Prozent der Fragen von den Probanden bereitwillig beantwortet, selbst wenn die Fragen sehr persönlich waren. Vorab hatte im Fragebogen die Mehrheit der Teilnehmer_innen bekräftigt, dass Privatsphäre und der Schutz ihrer persönlichen Daten ihnen wichtig sei. Das zentrale Ergebnis der Studie fasst zugleich das Privacy Paradox zusammen: „Most participants did not live up to their self-reported privacy preference.“

In den nachfolgenden 15 Jahren wurde das Phänomen Privacy Paradox durch viele weitere Studien belegt: Nutzer_innen sind zunehmend besorgt um die Sicherheit ihrer Daten, befürchten einen Missbrauch, fühlen sich verunsichert und betonen die Wichtigkeit und den hohen Wert, den sie ihren persönlichen Daten zuschreiben. Laut einer aktuellen Umfrage unter deutschen Internetnutzer_innen fürchten 81% eine Ausspähung ihrer persönlichen Daten im Internet 3 – gleichzeitig sind jedoch 27 Millionen Deutsche aktive Nutzer von Facebook 4 und 79% stimmen den Datenschutzerklärungen von Online-Diensten zu, ohne sie verstanden zu haben 5.

Statistik: Wodurch fühlen Sie sich im Internet bedroht? | Statista

Statistik: Wodurch fühlen Sie sich im Internet bedroht? | Statista

Vor allem Facebook, das größte soziale Netzwerk, wurde im Laufe der Jahre Gegenstand vieler wissenschaftlicher Studien und Artikel zum Privacy Paradox. Ekaterina Netchitailova der Sheffield Hallam University beispielsweise konnte nachweisen, dass trotz großer Bedenken die von ihr interviewten Nutzer_innen bei Facebook bleiben, da sie keine Alternative sähen und die Vorteile überwiegten 6. Andere Studien legen nahe, dass auch oft Unwissenheit dazu führt, dass mehr persönliche Daten im Internet preisgegeben werden als erwartet oder gewünscht 7.

Der Handel mit den eigenen Daten

Es gilt als wissenschaftlich bestätigt, dass finanzielle Anreize unter bestimmten Umständen dazu führen, dass Nutzer_innen bereitwilliger persönliche Daten im Netz preisgeben. Alastair Beresford hatte beispielsweise in einem Feldversuch mit 225 deutschen Studierenden herausgefunden, dass ein Großteil der Teilnehmer_innen bereit ist, für einen Euro Preisnachlass Angaben zu Geburtsdatum und Einkommen zu machen 8. Juan Pablo Carrascal untersuchte anhand eines Feldversuchs in Spanien die Bereitschaft, mit persönlichen Daten zu handeln: Mit Hilfe von Pop Up Fenstern befragte er die Probanden, während sie im Internet surften. Unter anderem wurde nach einem Mindestpreis gefragt, zu dem sie unterschiedliche persönliche Daten an ein privates Unternehmen verkaufen würden. Das Experiment war wie ein Versteigerungs-Spiel angelegt – wer den niedrigsten Preis für seine privaten Informationen angegeben hatte, gewann die Versteigerung und erhöhte dadurch den Wert des Gutscheins, den er oder sie für die Teilnahme an dem Experiment bekam. Im Mittel verkauften die Probanden ihren Browser-Verlauf für ungefähr 7 Euro, Angaben zu Alter, Adresse und Einkommen für 25 Euro 9.

Carrascal konnte so bestätigen, dass Nutzer_innen bereit sind, ihre persönlichen Daten zu verkaufen. Ein weiterer Zugang ist die Frage, ob und welchen Betrag Nutzer_innen bereit wären, mehr zu zahlen, um ihre Daten zu schützen. In einem Experiment des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zum Beispiel waren 30% der Teilnehmer bereit, für eine Kinokarte 50 Cent mehr zu zahlen, um ihre Mobilfunknummer nicht angeben zu müssen 10. Hanna Krasnova fand heraus, dass ein Drittel der Nutzer_innen zwischen 23 und 28 Euro pro Jahr zahlen würden, wenn die Betreiber ihres favorisierten sozialen Netzwerks ihre demographischen Daten nicht für personalisierte Werbung verwenden 11.

Was sind Gesundheitsdaten wert? Deutschland: 180 Dollar – China: 1 Dollar

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine aktuelle Studie des US-Unternehmens Frog, die kürzlich im Harvard Business Review erschienen ist: Timothy Morey befragte 900 Teilnehmer_innen aus fünf unterschiedlichen Ländern (USA, Kanada, Deutschland, China und Indien) unter anderem zu ihrem Wissen über die Art der Daten, die gesammelt werden, und zu dem Betrag, den sie bereit wären zu bezahlen, um unterschiedliche persönliche Daten zu schützen 12. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt sagt Morey dazu: “Was als erstes auffiel war, dass die Deutschen ihren Daten unter den Befragten aller Länder den höchsten Wert beimaßen.” 13. So wären sie beispielsweise bereit, über 180 Dollar zu zahlen, um ihre Gesundheitsdaten nicht preisgeben zu müssen. Auch Personalausweis-Daten und Kreditkarten-Informationen erzielen Werte über 100 Dollar. Auf der anderen Seite stehen Inder und Chinesen, die, um ihre Gesundheitsdaten zu schützen, maximal einen Wert von einem Dollar oder weniger zahlen würden.

Persönliche Daten – die neue Währung der digitalen Welt? Welchen Preis würden Sie ansetzen für Ihre sexuelle Orientierung? Oder Informationen über Ihre Familie und Freunde?

Mehr dazu im Crossmedia Express auf der TCCM16, am 20.02. ab 09:30 Uhr.

Web

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  1. Kuneva, zitiert nach Wolfie, C.: Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag. Cracked Labs – Institut für kritische digitale Kultur im Auftrag der Bundesarbeiterkammer, Wien, 2014, S. 5
  2. Spiekermann, S., Grossklags, J., Berendt, B.: E-privacy in 2nd generation E-commerce: privacy preferences versus actual behavior. In: Proceeding, EC ’01 Proceedings of the 3rd ACM conference on Electronic Commerce, ACM New York, NY, USA, S. 38-47, 2001.
  3. Bitkom (2014): Wodurch fühlen Sie sich im Internet bedroht?. In: Statista – Das Statistik-Portal. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/247473/umfrage/szenarien-gefuehlter-bedrohung-privater-internetnutzer-in-deutschland/,  Stand: 09.12.2015.
  4. Hutter Consult: Anzahl der aktiven Nutzer von Facebook in Deutschland von Januar 2010 bis Mai 2014 (in Millionen). In: Statista – Das Statistik-Portal. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/70189/umfrage/nutzer-von-facebook-in-deutschland-seit-2009/, Stand: 09.12.2015.
  5. Bitkom (2015): Datenschutz in der digitalen Welt. In: Statista – Das Statistik-Portal. http://de.statista.com/statistik/studie/id/30256/dokument/umfrage-zur-einstellung-zum-datenschutz-von-internetnutzern-in-deutschland-2015/, S. 11, Stand: 21.11.2015.
  6. Netchitailova, E.: Facebook as a Surveillance Tool: From the Perspective of the User. In: tripleC, Journal for a Global Sustainable Information Society, Vol 10, No 2 2012.
  7. Liu, Y., Gummadi, K., Krishnamurthy, B., Mislove, A.: Analyzing Facebook Privacy Settings: User Expectations vs. Reality. In: Proceeding, IMC´11 Proceedings of the 2011 ACM SIGCOMM conference on Internet measurement, ACM New York, NY, USA, S. 61-70, 2011.
  8. Beresford, A.; Kübler, D.; Preibusch, S.: Unwillingness to pay for privacy: A field experiment. Economics Letters 117.1, S. 25-27, 2012.
  9. Carrascal, J. P.; Riederer, C.; Erramilli, V.; Cherubini, M.; de Oliveira, R.: Your browsing behavior for a big mac: Economics of personal information online. In: Proceedings of the 22nd international conference on World Wide Web, S. 189-200, 2011.
  10. Jentzsch, N., Preibusch, S., Harasser, A.: Study on monetising privacy. An economic model for pricing personal information. European Network and Information Security Agency (ENISA), 2012. Abgerufen unter https://www.enisa.europa.eu/activities/identity-and-trust/library/deliverables/monetising-privacy, Stand: 10.12.2015.
  11. Krasnova, H., Hildebrand, T., Guenther, O.: Investigating the Value of Privacy in Online Social Networks: Conjoint Analysis. ICIS 2009 Proceedings, Paper 173, 2009.
  12. Morey, T., Forbath, T., Schoop, A.: Customer Data: Designing for Transparency and Trust. In: Harvard Business Review, May 2015 issue, S. 96–105, 2015.
  13. Morey, zitiert nach Dörner, S.: Die Deutschen sind erschreckend uninformiert. http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article144508313/Die-Deutschen-sind-erschreckend-uninformiert.html, Stand: 12.12.2015.

Über Alexandra Seegerer

Alex ist TV-Redakteurin und arbeitet bei dem österreichischen Fernsehsender ServusTV in der Formatentwicklung. Parallel dazu ist sie in den letzten Zügen ihres Masterstudiengangs Cross Media an der HS Magdeburg-Stendal. Auf der Suche nach ihrem eigenen digitalen Fußabdruck stolperte sie über das automatisch erstellte Nutzerprofil ihres Google Acounts. Laut Google ist Alex 65 Jahre alt und hat keine Interessen. Diese Erkenntnis: Unbezahlbar

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