Infos aus der Röhre 2.0

Sie sind die begehrteste Zielgruppe der Medienbranche: die Jugend. Doch ausgerechnet sie sind für traditionelle Medien kaum noch erreichbar, ihre Informationen beziehen sie überwiegend aus dem (sozialen) Netz. Ein Überblick.

Social Media dient Jugendlichen als Unterhaltungs- und Informationsmedium

Du wurdest gegruschelt! Wer erinnert sich noch an diese plumpe Anmache in Zeiten von StudiVZ? Und wer war Mitglied in Gruppen wie „Das Niveau ist gerade unters Bett gekrabbelt und heult“ oder „Klug war’s nicht – aber geil!“? Lang, lang ist’s her. Für viele war StudiVZ zwischen 2005 und 2007 der Einstieg in die Welt der sozialen Netzwerke. Doch als Facebook mehr und mehr auch in Deutschland Fuß fasste, der Gruppenzwang zur Anmeldung Einzug hielt und aus dem Gruscheln das Anstupsen wurde, da wetten böse Zungen schon auf den Tag, an dem StudiVZ sterben würde. Zwar immer noch existent, hat das Studentennetzwerk den Kampf gegen Facebook schon 2012 auf ganzer Linie verloren – mit einem Rückgang der Besuche um 90 Prozent innerhalb von nur zwei Jahren. In neuesten Statistiken der IVW tauchen die VZ-Netzwerke gar nicht mehr auf. Doch trotz seines Siegeszuges steht das soziale Netzwerk aus dem Zuckerberg-Imperium nicht an erster Stelle der von Jugendlichen meist genutzten Internet-Plattformen.

Längst hat das Internet das Fernsehen bei den Jugendlichen als meist genutztes Medium abgelöst. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kann rund ein Drittel der Jugendlichen nicht auf das World Wide Web verzichten und ist nach der neuesten Shell-Studie 18,4 Studen pro Woche online (2006: unter zehn Stunden). Doch was treibt die Jugend von heute so im Netz?

Jugendliche würden für YouTube sogar zahlen

Ob Politik für Dummys von LeFloid erklärt, ob Schminktipps für Fortgeschrittene oder ein Tutorial, wie man ein Geschenk einpackt – es gibt kaum ein Thema, zu dem es auf YouTube nicht auch ein Video gibt. Unangefochten steht die Plattform laut Zahlen von Statista bei den Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren mit 61 Prozent auf Platz eins der meist genutzten Internetangebote. Wie eine nicht repräsentative Straßenumfrage der Allgemeinen Zeitung in Coesfeld (NRW) unter den Jugendlichen bis 14 Jahren zeigt, würden drei von vier Befragten sogar für die Videoplattform bezahlen. „Für Musik, Comedy-Videos und Let’s Plays würde sich das lohnen. Die Schmerzgrenze liegt bei mir bei 15 Euro pro Monat“, sagt Younes (13). Jaquline, die das Portal hauptsächlich für Musik und Beauty-Videos nutzt, stellt jedoch auch eine Bedingung: „Höchstens fünf Euro pro Monat wäre ich bereit, zu zahlen und das auch nur im Gegenzug dafür, dass vor den Videos keine Werbung mehr abgespielt wird“, fordert die 14-Jährige.

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„Junge Generation will mitgestalten“

Wie die wachsende Fangemeinde von LeFloid (bürgerlich Florian Mundt) zeigt, steigt unter Jugendlichen das Interesse am Weltgeschehen und Politik offenbar wieder an. In seinem YouTube-Channel greift LeFloid mehrmals wöchentlich aktuelle Themen auf und stellt sie zur Diskussion. Dies brachte ihm sogar schon ein Exklusiv-Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen“, sagt Studienleiter Professor Dr. Mathias Albert von der Universität Bielefeld in der 17. Shell-Jugendstudie. Immer mehr junge Leute würden dabei auch ihr Interesse an Politik entdecken – und holen sich die Infos dazu aus der Röhre 2.0.

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Soziale Netzwerke als Informationsquelle

Politische Themen finden auch mehr und mehr Beachtung auf Facebook. „Ohne Social Media geht es nicht“, erklärt Dr. Claudia Heydolph. „Soziale Netzwerke tragen zur Demokratisierung von Kommunikationsprozessen bei“, analysiert die Journalistin und Medienhistorikerin. Die Blüten, die dies zuweilen treibt – von der Aufdeckung von Missständen auf der einen Seite bis hin zu Hetzkampagnen gegen Flüchtlinge auf der anderen – haben unbestritten mittlerweile Einzug in unseren Informations-Alltag gehalten. Trotzdem steht Facebook mit 36 Prozent nur auf Platz zwei der meist genutzten Internetangebote unter Jugendlichen – gefolgt von WhatsApp.

Der Messenger hat es mit 29 Prozent auf Platz drei geschafft, obwohl der zu Facebook gehörende Nachrichtendienst auf ein Android- oder IOS-Betriebssystem angewiesen und daher hauptsächlich mobil auf dem Smartphone nutzbar ist. Die klassische SMS hat der mittlerweile kostenlose Messenger deutlich in die Schranken gewiesen.

Twitter hat kaum ein Standing bei Jugendlichen

Erst auf dem vierten Platz der meistgenutzten Internetinhalte hat es mit 14 Prozent der Suchmaschinen-Riese Google geschafft; für viele Jugendliche bei der alltäglichen Recherche offenbar ein unverzichtbares Angebot. Platz fünf geht an den Fotodienst Instagram (13 Prozent). Wer shoppen will, tut dies vornehmlich auf Amazon (3 Prozent). Ebay findet sich hingegen nicht in der Statistik wieder. Wikipedia (3 Prozent) wird ebenfalls noch hin und wieder von Jugendlichen – vor allem für schulische Zwecke genutzt. Als soziales Netzwerk hat Twitter hingegen mit 3 Prozent kaum ein Standing unter den 12- bis 19-Jährigen. Und nur einer von 50 Jugendlichen nannte jeweils in seinen bis zu drei Angaben Skype, den Blogger-Dienst Tumblr und den Musikanbieter Spotify als unverzichtbar.

Doch was die Jugend verschmäht, gewinnt für den Journalismus to go heutzutage mehr und mehr an Bedeutung. Gerade Dienste wie Tumblr oder Instagram haben ein großes Potenzial Leser zu gewinnen und zu binden. Doch was wollen die Leser wirklich?

Mehr dazu in der Podiumsdiskussion mit Marc Rath von der Volksstimme und Hartmut Augustin von der Mitteldeutschen Zeitung auf der Fachkonferenz Think Cross – Change Media.

Über Florian

Florian Schütte arbeitet als Redakteur bei der Allgemeinen Zeitung in Coesfeld (Münsterland). Dort leitet er die Jugendredaktion und entwickelt die "Junge Szene" ständig weiter. Nebenbei studiert er Cross Media an der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Im Berufsalltag profitiere ich ständig vom Wissen aus dem Studium und umgekehrt genauso - die ideale Kombination."

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