MZ-Digitalchef Constantin Blaß im Interview

Was bedeutet crossmediales Arbeiten für Redaktionen? Welche Voraussetzungen braucht es dafür? Und was sind die Herausforderungen dabei – gerade für regionale Zeitungen? Wir haben mit Constantin Blaß, stellv. Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, gesprochen. 

Was bedeutet crossmediales Arbeiten in Redaktionen für Sie überhaupt?
Blaß: Es geht darum, Themen für mehrere Kanäle zu durchdenken. Früher war es schon crossmedial, die für Print aufgearbeiteten Themen schnell online zu stellen – das hieß dann „Online-first“. Heute gibt es andere Voraussetzungen, Ansprüche und Erwartungen. Redaktionen müssen eine Desktop- und eine mobile Version des Internet-Auftrittes bestücken. Genauso gehört zum crossmedialen Arbeiten, Nachrichten-Apps, Newsletter, Messenger wie WhatsApp und natürlich die sozialen Netzwerke zu bedienen. Deshalb macht es Sinn, Themen nicht zuerst analog, sondern direkt digital zu denken. Wenn Redaktionen Themen für all die oben genannten Möglichkeiten planen, wird automatisch das Beste für das Print-Produkt herausgeholt.

“Die Redaktionsführung muss vorleben”

Welche Voraussetzungen brauchen Redaktionen, um die vielen medialen Formate überhaupt bespielen zu können?
Blaß: Die technische Ausstattung und Mitarbeiter-Schulungen sind wichtige Bausteine. Wichtig ist auch, dass eine Redaktion heterogen ist. Ein Mix aus erfahrenen Journalisten und „jungen Wilden“, die darauf drängen, Neues auszuprobieren und neue Ansätze in den Redaktionsalltag einzubringen, empfinde ich als ideal, und diese Mischung führt in der Regel zu sehr guten Produkten. Ein weiterer Punkt: crossmediales, digital getriebenes Arbeiten muss von der Redaktionsführung vorgelebt werden. Wenn eine Chefredaktion nicht davon überzeugt ist, diese digitalen Formate zu bespielen, dann wird sich das auch auf die Mitarbeiter auswirken.

In vielen Köpfen herrscht aber die Denke, crossmediales Arbeiten sei zwangsläufig mit Mehraufwand und Mehrarbeit verbunden. Auch das dürfte zu Widerständen führen.
Blaß: Ich verstehe, dass bei vielen der Reflex aufkommt, auf eventuelle Mehrarbeit hinzuweisen. Ich sehe es eher als Chance, Abläufe zu prüfen, Prozesse zu optimieren und am Ende sogar früher fertig sein zu können. Ein Beispiel: Bei der MZ erscheint das E-Paper schon in einer Abendausgabe um 20 Uhr. Redaktionsschluss ist um 18.50 Uhr, vorher war es 20.30 Uhr. Das bedeutet, dass bis auf den Spätdienst die Kolleginnen und Kollegen mittlerweile früher in den Feierabend können.

Kanal Bewegtbild in der Themenplanung fixieren

Viele klassische Print-Häuser haben sich aber mittlerweile zu medialen Alleskönnern entwickelt. Wie wichtig ist die Verknüpfung von Text, Foto und Bewegtbild?
Blaß: Bei der MZ haben wir gerade einen neuen Newsroom eröffnet. Für Bereich der regionalen Medienhäuser sind wir hier sicher wegweisend, zumal wir unseren lokalen Fernsehsender „TV Halle“ gleich mitintegriert haben. Das Ziel ist, den Kanal Bewegtbild ebenfalls in die Themenplanung mit aufzunehmen und damit unsere Themen noch besser auszuspielen. Denn wir wissen auch, dass sich das Thema Video – gerade mobil – immer weiterentwickelt. Die Breitbandanbindung wird immer besser, Daten-Flatrates ermöglichen es unseren Nutzern eher Videos anzuschauen als Texte auf dem Smartphone zu lesen.

Mit dieser Verknüpfung und Zusammenarbeit haben sich aber viele Medienhäuser lange Jahre schwer getan, wenn man nur an den Spiegel und Spiegel TV denkt.
Blaß: Ich kann mir vorstellen, dass es Medienhäuser gibt, die glauben, sie machen eine ganz tolle Zeitung, mit ganz tollen Texten. Wenn man dann diese Texte ins Netz stellt, interessieren sie plötzlich niemanden. Da muss man sich schon fragen: Sind das nur die verschiedenen Zielgruppen – dann ist die leider immer noch hin und wieder geführte Kannibalisierungsdebatte quatsch – oder war das Thema vielleicht doch nicht relevant. Bei der MZ wissen wir, dass wir noch aktueller, aber auch inhaltlich noch besser werden müssen, eben weil wir viele unterschiedliche Zielgruppen haben. Es reicht nicht aus, einen Text aus der Zeitung einfach ins Netz zu stellen und daneben ein Werbebanner auszuspielen.

Und die Finanzierung von Crossmedia?

Stellt sich die Frage der Refinanzierung…
Blaß: Zur Einordnung möchte ich betonen, dass das Print-Produkt in vielen Medienhäusern immer noch das digitale Angebot finanziert. Auch bei der MZ. Insofern ist ein erstes Ziel, dass sich die digitalen Aktivitäten mittelfristig refinanzieren müssen. Klar ist aber auch, dass uns in einem zweiten Schritt höchstwahrscheinlich weder die Reichweite retten wird, um die sinkenden Anzeigenerlöse des Print-Produktes zu kompensieren, noch die bislang in Deutschland bekannten Paywall-Formate. Ich bin aber trotzdem zuversichtlich. Wieso reißen wir nicht alte, bekannte Strukturen ein und bauen alles wieder neu auf – angepasst an die neuen Anforderungen, die Leser und Kunden an uns stellen? Unsere Leitkanäle sind zum Beispiel bereits heute gleichberechtigt Mobile und Print. Bei der MZ haben wir mit diesem Ansatz bereits sehr gute Erfahrungen gemacht. Unsere Maxime ist, dass wir unsere Produkte, Dienstleistungen und Services an den Bedürfnissen unserer Kunden ausrichten wollen – und nicht umgekehrt. Wichtig ist bei allen Veränderungen, unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Entwicklung die Chancen zu sehen. Es tun sich aktuell so viele neue und interessante Felder auf: Ich würde eher die Chance ergreifen, als am Alten kleben zu bleiben.

Über Constantin Blaß: Constantin Blaß (35) ist stellvertretender Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung und dort vor allem für die digitale Weiterentwicklung der Redaktion zuständig. Zuvor war er unter anderem als Leiter Inhalte Online beim General-Anzeiger Bonn, der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und den Ruhr Nachrichten in Dortmund im Print- und Digitalbereich angestellt.

Die Mitteldeutsche Zeitung ist Partner der „Think Cross – Change Media“-Konferenz. Am Samstag, 20. Februar um 11.30 Uhr, wird MZ-Chefredakteur Hartmut Augustin auf der Konferenz zur digitalen Transformation in Redaktionen.

Über Clemens Boisseree

Clemens Boisserée (26) ist Digital-Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung. Zuvor: Bachelor-Studium Online-Redakteur an der TH Köln und Volontariat beim General-Anzeiger Bonn.

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