»Wir forschen – bitte folgen Sie uns auf Twitter«

Wissenschaftskommunikation unterliegt einem stetigen Wandel: Von der reinen Wissensvermittlung und »Aufklärung« der Bevölkerung bis zu unserer modernen »Beteiligungsgesellschaft« und einem möglichst transparenten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Soziale Netzwerke und Onlineplattformen bieten Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstitutionen ganz neue Möglichkeiten, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und Wissenschaftsthemen selbsttätig zu platzieren. Aber wie viel #Forschung und #Entwicklung passt eigentlich in #140Zeichen?

Raus aus dem Elfenbeinturm

Die Nutzung sozialer Medien war vor einigen Jahren im akademischen Umfeld noch eher unüblich. In der Wissenschaft wird geforscht, experimentiert und entwickelt – nicht gebloggt, getwittert oder geliked. So weit, so Klischee. Die meisten Menschen betrachten soziale Medien inzwischen als ganz selbstverständlichen Teil ihres privaten und beruflichen Alltags. Wir nutzen soziale Netzwerke, um uns zu informieren, auszutauschen, uns mit Freund_innen und Kolleg_innen zu vernetzen. Wissenschaftler_innen recherchieren zu ihren Fachthemen, präsentieren ihre Forschungsarbeiten und treten weltweit mit Fachkolleg_innen in Verbindung. Sie wählen dafür in erster Linie Anwendungen aus, die für ihre Arbeit besonders effizient sind, z.B. Academia, Wikipedia, Slideshare und ähnliche Onlinetools. In deutlich geringerem Maße werden aus der Alltagskommunikation beliebte Dienste wie Blogs, Twitter oder Social‐Bookmarking‐Dienste eingesetzt. Das sieht schon etwas anders aus, betrachtet man die Kommunikation von Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen. Der Dialog mit der Öffentlichkeit – also außerhalb von Fach‐ und Expertenkreisen – ist hier ein stärkeres Motiv, um eigene Social‐Media‐Auftritte zu betreiben.

Wissen populär vermitteln

Das digitale Kommunizieren wird immer wichtiger. Für Forschungsinstitutionen geht es um die Vermittlung von Wissenschaftsthemen in unterschiedlichste Teilöffentlichkeiten, Schaffung gesellschaftlicher Akzeptanz für neue Technologien, Wissenstransfer in Industrie und Wirtschaft oder auch der Nachwuchs‐ bzw. Mitarbeitergewinnung. Und nicht zu vergessen: Wissenschaft wird sowieso immer öffentlicher, weil sie immer stärker zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme herangezogen wird. Wenn Wissenschaft aber einen so großen Einfluss auf uns alle hat, dann sollten auch wir alle die Gelegenheit haben, uns am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Dafür müssen Forschungseinrichtungen die »Labortüren öffnen« – und das nicht nur einmal im Jahr.

Forschung und Entwicklung in 140 Zeichen

Von meinem Wissenschaftskolleg_innen höre ich immer wieder: »Dafür habe ich keine Zeit. Wann soll ich das noch machen, neben Projektarbeit, Fachartikel und der Kundenpräsentation nächste Woche?« Die Einwände sind berechtigt. Der Zeitaufwand ist definitiv ein limitierender Faktor, schließlich wollen und müssen die sozialen Netzwerke gepflegt werden. Die Beteiligung in sozialen Medien darf sich für Wissenschaftsteams und Forschungseinrichtungen nicht negativ auf die wissenschaftliche Arbeit auswirken.

Ergebnis einer Umfrage unter 596 Kommunikationsmanager_innen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz im Zeitraum Mai bis Juni 2011. Zahlen in Prozent. Eigene Darstellung

Ergebnis einer Umfrage unter 596 Kommunikationsmanager_innen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz im Zeitraum Mai bis Juni 2011. Zahlen in Prozent. 1 Eigene Darstellung

Bei der Entscheidung Aufwand versus Nutzen bieten sich Mikrobloggingdienste deshalb aus meiner Sicht geradezu an: Textlänge wie eine SMS – das ist schnell geschrieben, Links zu veröffentlichten Papers oder Fachartikeln – bedeuten keine zusätzliche Arbeit.

Twitter muss kein großer Zeitfresser sein. Ergebnis einer Umfrage unter 291 Twitternutzer_innen. Eigene Darstellung

Twitter muss kein großer Zeitfresser sein. Ergebnis einer Umfrage unter 291 Twitternutzer_innen. 2 Eigene Darstellung

Eignet sich also Twitter als wissenschaftlicher Nachrichtenticker und befördert es den Dialog mit Interessensgruppen und der Öffentlichkeit?

Twitter – Ein (wissenschaftlicher) Nachrichtenkanal?

Twitter wird im deutschsprachigen Raum3 besonders viel im beruflichen/professionellen Kontext genutzt. Dabei gilt: Wer länger dabei ist, nutzt seinen Account hauptsächlich beruflich: 29 Prozent der deutschsprachigen »Twitterati«4 sind nach eigenen Angaben als Führungskraft tätig und 37 Prozent sind – zumindest im Nebenjob – selbstständig tätig. Mit 43 Prozent ist auch der Anteil von Akademiker_innen sehr hoch. Weitere 17 Prozent studieren. 18 Prozent haben das Abitur bzw. einen vergleichbaren Schulabschluss. Rund 13 Prozent der befragten Twitterer arbeiten in der Medien‐ und Informationsbranche. Etwa neun Prozent arbeiten an Schulen oder Universitäten. Weitere zwei Prozent sind im Bereich Forschung und Lehre beschäftigt.

Ergebnis einer Umfrage unter 1.707 deutschsprachigen Twitterati im November 2009. Eigene Darstellung

Ergebnis einer Umfrage unter 1.707 deutschsprachigen Twitterati im November 2009. 5 Eigene Darstellung

Welchen Stellenwert hat wissenschaftsbezogenes Twittern derzeit? Eine Kurzstudie vom Dezember 2011 über 600 deutschsprachige Twitter‐Accounts von Wissenschaftler_innen und Forschungseinrichtungen ergibt:
330 Forscher_innen twittern selbst. 125 Universitäten und 70 Institutionen veröffentlichen Informationen. 70 Wissenschaftsmedien sind auf Twitter vertreten. Von bislang 2000 ausgewerteten Tweets enthalten 45 Prozent Inhalte persönlicher Natur und Smalltalk. 55 Prozent der Tweets sind forschungsrelevant und enthalten Statements, Kurzberichte zu Konferenzen und Workshops oder Links zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die wissenschaftlichen Accounts erreichen dabei im Durchschnitt 716 Follower.6

Eine weitere Studie vom November 2013 ergibt:
97,3 Prozent der in der Studie befragten Forscher_innen kennen Mikrobloggingdienste wie z.B. Twitter, aber nur 18,6 Prozent nutzen diese Onlineplattformen.7 Deutlich häufiger werden Wikis, Lernplattformen oder Onlinedatenbanken genutzt – Angebote zur Recherche also. Kanäle zum aktiven Austausch oder Veröffentlichen eigener Inhalte werden insgesamt seltener verwendet.

Beispiel @Fraunhofer_IFF – wissenschaftliche »Infohäppchen« eines Forschungsinstituts

Das Fraunhofer IFF8 ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Netzwerk der Fraunhofer-Gesellschaft. Das Institut betreibt anwendungsorientierte Forschung auf den Gebieten Intelligente Arbeitssysteme, Ressourceneffiziente Produktion und Logistik und Konvergente Versorgungsinfrastrukturen und arbeitet damit auf gesamtgesellschaftlich relevanten Feldern. Gerade dies macht den Diskurs mit der Öffentlichkeit so wichtig.

Wie jede andere Forschungsinstitution auch ist das Fraunhofer IFF in vielen Dialoggruppen verankert: Die wissenschaftliche Community, die Industrie, potenzielle Auftraggeber und Projektpartner, öffentliche Geldgeber und die wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit sind wichtige »Kommunikationsgruppen«. So unterschiedlich wie diese Dialogpartner sind, so unterschiedlich müssen auch die Kanäle sein, über die man sie anspricht.

Das Fraunhofer IFF nutzt dabei neben der klassischen Pressearbeit auch Veranstaltungen und Messebesuche, die eigenen Webseiten oder Veröffentlichungen wie die Kundenzeitschrift IFFOCUS und wissenschaftliche Publikationen. Der Twitteraccount besteht seit 2010 als weiterer Kommunikationskanal. Verantwortlich für die Pflege des Accounts ist die Öffentlichkeitsarbeit des Instituts.

Das Fraunhofer IFF ist ebenfalls Mitglied im Fraunhofer-Verbund Produktion. In diesem Verbund kooperieren insgesamt sieben Institute der Fraunhofer-Gesellschaft, die jeweils eigene wissenschaftliche Schwerpunkte auf dem Themenfeld der Produktion setzen. Die Aktivität auf Twitter der Fraunhofer-Institute des Verbunds Produktion im Vergleich:

Fraunhofer-Institut  Fraunhofer IFF Fraunhofer IML  Fraunhofer IPA  Fraunhofer IPK  Fraunhofer IPT  Fraunhofer IWU Fraunhofer UMSICHT
Anzahl wissenschaftliche Mitarbeiter_innen 1769  26010  49011  14912  12713  37514  31815
 Accountname  @Fraunhofer_IFF  @Fraunhofer_IML  @Fraunhofer_IPA  @Fraunhofer_IPK  @FraunhoferIPT  –  @UMSICHT
 Twittert seit16  22.7.2010  24.1.2012  7.7.2010  19.10.2015  21.10.2012  –  7.1.2010
 Anzahl Follower  1372  520  1564  24  717  –  909

Qualitative Auswertung von Tweets des Fraunhofer IFF. Eigene Darstellung

Aktuell hat das Fraunhofer IFF 1372 Follower, die sich aus Forschungs- und Industriepartnern (z.B. Zeiss, KUKA), Verbänden (z.B. Bundesvereinigung Logistik, Verband der Chemischen Industrie), Pressevertretern (z.B. Welt Wissen, ZDF Landesstudio Sachsen-Anhalt), Privatpersonen sowie Mitarbeiter_innen zusammensetzen.17 Die thematischen Schwerpunkte der Tweets liegen auf der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts. Dazu werden hauptsächlich Meldungen zu Veranstaltungen, Messeauftritten oder Workshops und Links zu Presseinformationen gepostet, die zur Webseite des Fraunhofer IFF führen.

Einen kleineren Teil machen Meldungen zu Forschungsthemen aus, die nicht in Zusammenhang mit einem Vortrag oder einer Messepräsentation stehen. Ein Grund dafür können bspw. datenschutz- oder urheberrechtliche Vereinbarungen mit dem Projektpartner sein.

Das Fraunhofer IFF muss als Einrichtung anders twittern, als es ein_e Wissenschaftler_in direkt aus dem Labor könnte. Der Twitterkanal des Fraunhofer IFF ist ein offizielles Sprachrohr der Forschungseinrichtung und dient der seriösen, faktenorientierten Außendarstellung des ganzen Hauses. Persönliche Meinungen, Wertungen oder Positionierungen zu tagesaktuellen Ereignissen zu veröffentlichen, ist weniger möglich, während ein_e Wissenschaftler_in individueller, offener und freier in seinen Äußerungen agieren kann. Ein Grund mehr, die Mitarbeiter_innen direkt zu motivieren, selbst aktiv zu werden.

Schlussfolgerung

Als Fazit kann Wissenschaftler_innen und Forschungsinstitutionen die Empfehlung gegeben werden, Twitter für sich zu nutzen, sofern ihnen das aktive und direkte Kommunizieren mit einem (Laien‐)Publikum liegt. Wenn man den Dienst als Chance begreift, mit verschiedenen Öffentlichkeiten zu kommunizieren, kann Twitter eine vergleichsweise simple Möglichkeit sein, sich sichtbar zu machen, sich selbst transparent darzustellen und Feedback zu erhalten. Durch die gezielte und unmittelbare Ansprache in sozialen Medien lassen sich Interessen bündeln und neue Themen publik machen.

Es ist aus meiner Sicht nicht wirklich messbar, in welchem Umfang Inhalte aus sozialen Medien nachhaltigen Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse nehmen können – so wie die Follower‐Zahl allein nichts über die qualitative Reichweite aussagt. Allerdings ist die Evaluierung der qualitativen Reichweite nicht nur ein Social‐Media‐ oder Online‐Problem: Im Bereich der Printmedien ist es z.B. ebenfalls schwierig, über Auflage oder Verkaufszahl einer Fachzeitschrift die qualitative Reichweite zu bestimmen und Rückschlüsse darüber zu treffen, wie oft ein Artikel innerhalb einer relevanten Dialoggruppe tatsächlich gelesen wurde. Wichtiger als reine Zahlen sind in einem Kommunikationskanal wie Twitter Größen wie Vertrauen, Reputation oder Aufmerksamkeit innerhalb der angesprochenen Dialoggruppen. Natürlich öffnet man sich durch die Beteiligung in sozialen Netzwerken und gibt Kontrolle über die eigene Kommunikation ab. Kritische Äußerungen verbreiten sich online schneller. Diskussionen zu kontroversen Themen werden schnell emotional und weniger faktenbasiert geführt. Online Präsenz zu zeigen, sollte umso mehr als Chance denn als Risiko betrachtet werden. Nur wer selbst online präsent ist, kann sich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und ihn argumentativ begleiten.

Und auch wenn soziale Medien in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen: Twitter ist nur ein weiteres Werkzeug neben der direkten Kommunikation mit Fachkolleg_innen, der Beteiligung an Fachgremien, der Teilnahme an Messen, Konferenzen und Workshops oder das Verfassen wissenschaftlicher Aufsätze, um Forschungsthemen zu veröffentlichen.

tl;dr

Tweet des Molekularbiologen Sebastian Reusch.

Tweet des Molekularbiologen Sebastian Reusch.

 

Wissenschaftler_innen mit Kommunikationstalent – die nicht nur forschen, sondern ihre Forschungsergebnisse auch gern mit der Öffentlichkeit teilen möchten – sollten das Potenzial von Twitter für sich nutzen. Twitter ist ein wirklich gutes Medium, um sich mit Fachkolleg_innen zu vernetzen, wissenschaftlichen Input zu holen und sich am gesellschaftlichen Diskurs auf dem eigenen Fachgebiet zu beteiligen.

Der Artikel basiert auf dem Paper »Forschung und Entwicklung in 140 Zeichen: Wissenschaftskommunikation im Kurznachrichtendienst twitter«, erschienen in »Think CROSS – Change MEDIA. Crossmedia im Jahr 2014. Eine Standortbestimmung« (ISBN: 3735737803), dem Tagungsband zur TCCM14.

Der Blogbeitrag wurde vom Fraunhofer IFF weder in Auftrag gegeben noch in irgendeiner Art und Weise gefördert.

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  1. Universität Leipzig (Hg.) (2011): Social Media Governance 2011. Seite 15.
  2. Social Media Statistiken (2013): Jahres-Umfrage: Twitter im Detail.
  3. Deutschland, Österreich, Schweiz
  4. Kunstwort als Bezeichnung für die »Twitterelite«: Besonders einflussreiche, aktive Twitterer mit einer großen Anzahl von aktiven Followern.
  5. Pfeiffer, Thomas (2009) Twitterumfrage 2.
  6.  Scheloske, Marc (2012): Wieviel Wissenschaft passt in 140 Zeichen : (Vorläufige) Ergebnisse der Twitterstudie.
  7. Dzeyk, Waldemar (2013): Explorative Datenauswertung und Identifizierung von Science 2.0‐Nutzungstypen. Seite 33.
  8. Das Fraunhofer‐Institut für Fabrikbetrieb und ‐automatisierung, kurz Fraunhofer IFF, ist eine rechtlich nicht selbstständige Einrichtung innerhalb der Fraunhofer‐Gesellschaft. Die Fraunhofer‐Gesellschaft ist die größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa.
  9.  Schenk, Michael (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014 des Fraunhofer IFF. Seite 12.
  10.  Clausen, Uwe; Henke, Michael; ten Hompel, Michael (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014 des Fraunhofer IML. Seite 12.
  11.  Bauernhansl, Thomas (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014 des Fraunhofer IPA. Seite 10.
  12.  Uhlmann, Eckhart (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014/2015 des Fraunhofer IPK. Seite 49.
  13.  Klocke, Fritz (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014 des Fraunhofer IPT. Seite 8.
  14.  Drossel, Welf‐Guntram; Landgrebe, Dirk; Putz, Matthias (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014/2015 des Fraunhofer IWU. Seite 23.
  15.  Weidner, Eckhard; Deerberg, Görge (Hg.) (2015): Jahresbericht 2014/2015 des Fraunhofer Umsicht. Seite 10.
  16.  Stand 20. Januar 2016.
  17. Stand 20. Januar 2016. Quelle: http://www.twitter.com/fraunhofer_iff.

Über Daniela

Daniela Martin arbeitet als Online-Redakteurin am Fraunhofer IFF.

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