Motive haben die Macht, nicht die Medien

Möglichkeiten digitalen Storytellings

Jedes Medium hat seine Vor- und Nachteile. Bei einer gut erzählten Geschichte geht es nicht vorrangig darum, über welche Plattform sie verbreitet wird. Aber „keines der traditionellen Medien – weder Print, Radio oder Fernsehen – erlaubt die auf digitalen Plattformen mögliche Multimedialität, um ein Thema in seiner Tiefe auszuleuchten und jedem Leser nach seinem persönlichen Informationsinteresse zugänglich zu machen“1. Es gibt hervorragende Beispiele multimedialer Geschichten: TIPP – Chance oder Gefahr?, Stumme Zeitzeugen, Blutiger Pelz, Auferstanden als Ruine, Falcianis SwissLeaks – Der große Bankdatenraub oder Alma – um nur einige zu nennen.
Die traditionellen publizistischen Marken beschränken sich in der Regel auf die Symbiose von zwei oder drei der etablierten Darstellungsformen wie Text, Foto und Video. Ein echtes Miterleben ermöglichen sie nicht, vielmehr „orientiert sich das journalistische Angebot in seinen Vermittlungslogiken noch immer sehr stark an den hergebrachten“2.
Online-Medien dagegen können ihre vielen Alleinstellungsmerkmale besser nutzen: Interaktivität und Nutzer_innen-Führung durch modularen Aufbau und Verlinkung. Flow-Erlebnisse, also Erhöhung der Emotionalität. Die Mischung aus Text, Video, Audio, Grafik, Animation und anderen Elementen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die gezielte Ansprache unterschiedlicher Sinne von Nutzer_innen bringt Informationen auf die bestmögliche Weise zu ihren Empfänger_innen. Das Potential, das die Nutzung von verschiedenen Darstellungsformen birgt, ist groß. Die meisten Journalist_innen, die 2015 im Rahmen der Studie Die Zeitungsmacher befragt wurden, halten Innovationen in diesem Bereich für zentral. „Der klassische Qualitätsjournalismus […] braucht neue Formen der Darstellung und Verbreitung, um weiterhin von einer großen Nutzerzahl wahrgenommen zu werden, um gesellschaftlich relevant zu bleiben“3.

Form vs Inhalt

Viele mediumorientierte Darstellungsformen – Text, Foto, Audio, Video und Grafik – sind im Online-Journalismus etabliert und aus diesem Medium nicht mehr wegzudenken. Vorteilhaft für die Nutzer_innen ist dabei, dass aktuell hinzugekommene Formen noch ausprobiert werden und immer neue entstehen. Das bietet Nutzer_innen die Möglichkeit, Teil des Prozesses zu sein: Weil Rezipient_innen dadurch, wie sie Darstellungsformen annehmen, aufgreifen und sukzessive nutzen, direkt und indirekt Einfluss darauf haben, wie Informationen in der Zukunft vermittelt werden. Es wäre also nur konsequent, dass Produzent_innen für Online-Medien sinnvoller Weise alle Chancen nutzen, die ihnen ihr Medium bietet. Die Rezeptionsgewohnheiten und Bedürfnisse der User ernst zu nehmen, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Form den Inhalt bestimmt. „Nicht die Technik entscheidet, welche Interessen Multimedianer entwickeln. Vielmehr entscheiden sie darüber, welche Technik sich am besten dazu eignet, ein Bedürfnis zu erfüllen“4. Um der Zweckdienlichkeit für Bedürfnisbefriedigung gerecht zu werden und die Wirkungen zu erzielen, die sich die Nutzer_innen vom Mediengebrauch versprechen, müssen Stories von Anbeginn der Recherche multimedial – welchen Teil der Story für welchen Kanal? – (mit)gedacht werden. Leider sind solche Geschichten bislang eher Ausnahmeerscheinungen. In ihrer Gesamtheit werden die Potentiale, die in digitalen Erzähl- und Darstellungsformen stecken, noch nicht umfassend genutzt.

Investitionsbereitschaft vs Querfinanzierung

Inhalte portioniert und in verschiedenen Modulen aufzubereiten, um sie dann über einen oder mehrere technische Kanäle zu verbreiten, verlangt nach Spezialist_innen, und die kosten Geld. Einen echten Mehrwert bietet multimediale Content-Aufbereitung nur dann, wenn klare Strukturen existieren und die inhaltlich-thematische Weiterführung funktioniert. Der große Vorteil von Online-Medien, aktuell sein zu können, also Zeitfaktor und Prozesshaftigkeit, kann sich schnell nachteilig auswirken – nämlich dann, wenn Redaktionen den Anforderungen nicht gerecht werden. Die viel diskutierte Newsroom Convergence, die dazu führen soll, dass journalistische Produkte zunehmend innerhalb interdisziplinärer Kompetenzteams entstehen, erweist sich nur dann als Vorteil, wenn redaktionelle Aufgabenbereiche den Anforderungen angepasst werden, indem neue Stellen wie beispielsweise Community-Manager_in oder Social Media-Redakteur_in integriert werden. Auch wenn das Potential, das Newsroom Convergence bietet, in der Theorie einleuchtet – der Redaktionsalltag verlangt nicht selten von Redakteur_innen, Experte bzw. Expertin in allen Bereichen zu sein, fehlende Stellen zu kompensieren.
Ist die schwierige Finanzierung des Journalismus immer noch das Problem? Oder fürchten sich Medienhäuser vor Kannibalisierung, wenn sie Content auf Online-Ablegern kostenfrei zugänglich machen? Sind divergente Budgets dafür verantwortlich? Ob Paywall, Abo oder Spenden, es gibt nicht das Finanzierungsmodell. Die Mischung macht es. Die Zukunft findet im Netz statt, also sollte auch die Bereitschaft vorhanden sein, dort zu investieren.

Fragmentiertes Rezeptionsverhalten

Dass professionell erstellte Nachrichtenangebote im Wettbewerb mit einem breiten Spektrum weiterer Nutzungsoptionen stehen, allen voran eine Vielzahl von Varianten zwischenmenschlicher Direkt- und Individualkommunikation5, macht es Online-Medien sicherlich nicht einfacher. Insbesondere die Sozialen Netzwerke, wie Facebook, Pinterest, Instagram & Co, absorbieren so viel Aufmerksamkeit, dass für journalistische Produkte nur noch wenig Rezeptionszeit bleibt. Laut Statista nutzen 2016 in Deutschland 27 Millionen Menschen Facebook und 9 Millionen Instagram. Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2015 belegt, dass in der Altersgruppe der 14-29-Jährigen die prozentuale Online-Nutzung im Bereich Onlinetätigkeit Artikel und Berichte im Internet lesen und die Onlineanwendung Onlinecommunitys wie Facebook nutzen fast gleichauf liegt. Wenn Journalist_innen junges Publikum ansprechen möchten, müssen sie neben multimedialer Informationsaufbereitung die User verstärkt über dialogorientierte Angebotsformate und Kommunikationsdienste erreichen und mit einbeziehen: „Im Idealfall ist ein Artikel kein fertiges Endprodukt, sondern Ausgangspunkt einer konstruktiven Debatte mit Nutzerbeteiligung, die wieder in neue Beiträge mündet. Das funktioniert aber nur, wenn Journalisten Moderieren, Debattieren und Kuratieren nicht als lästige Zusatzaufgabe, sondern als elementaren Bestandteil ihrer Arbeit begreifen“6.

Interaktivität

Interaktivität beschränkt sich bei Online-Medien bislang meist auf Zugang oder Auslösen von Inhalten, oder darauf, in die Reihenfolge ihrer Darbietung einzugreifen. Mit den Inhalten selbst wird nicht interagiert, sie können nicht manipuliert werden. Die lineare Erzählrichtung von Text, Hör- oder Filmstücken die gesprochenes Wort oder Musik enthalten ist kaum sinnvoll zu durchbrechen: Die einzelnen Teile haben einen Anfang und können nur in eine Richtung gelesen, gehört oder betrachtet werden7. Non-lineares Storytelling bringt die Rezipient_innen nicht nur an den Ort des Geschehens, die eigene Perspektive kann verändert, das Erzähltempo selbst bestimmt werden. Je nach Interesse können Aspekte vertieft oder ausgelassen werden. Durch die Möglichkeit, in die Geschichte eingreifen zu können, wird die Empathie angeregt, was Identifikation mit Protagonist_innen fördert und das Erleben der Geschichte stärkt. Ein gelungenes Beispiel für non-lineares Storytelling ist die Reportage Nicht von Gott gewollt.

Kollaboration und Teilen

Die Medien- und Netzaktivistin Anne Roth kritisiert, dass vor allem bei News-Websites oft das auf der Strecke bleibe, was das Internet sonst noch zu bieten hätte: „Kollaboration und Teilen. Wissen teilen, um etwas Besseres zu produzieren“8. Sie bemängelt, dass es auf den meisten News-Websites Live-Ticker gebe, aber nur ein  Teil übernommen würde: die Darstellungsform. Dabei eigne sich die Darstellungsform, um Inhalte zu transportieren, indem beispielsweise Stellungnahmen von Fachleuten und Hintergründe zum Thema „getickert“ würden anstelle sinnloser Informationen: +++ 18:29 Der Sack Reis fiel um +++

Mehr dazu auch auf den folgenden Veranstaltungen auf der TCCM16 am 19.02. und 20.02.2016.

Die digitale Transformation oder die Frage: Hat eine Print-Redaktion überhaupt die Chance, in der neuen Welt anzukommen?

Der trimedial ausgerichtete Newsroom von MDR SACHSEN-ANHALT, neue Rollen, Mitarbeiter im Veränderungsprozess.

Podiumsdiskussion

Show 8 footnotes

  1.   Sturm, Simon (2013): Digitales Storytelling – Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus, Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN: 978-3-658-02013-2 (eBook), S.10.
  2.  Weichert, Stephan | Kramp, Leif | Welker, Martin (2015): Die Zeitungsmacher – Aufbruch in die digitale Moderne, Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN 978-3-658-02104-7 (eBook), S.43.
  3.  Sturm, Simon (2013): Digitales Storytelling – Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus, Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN: 978-3-658-02013-2 (eBook), S. 150.
  4. May, Ronald (2015): Generation Multimedia – Worauf sich Unternehmen vorbereiten sollten, Springer Fachmedien Wiesbaden Nachdruck 2015, ISBN 978-3-658-07814-0 (eBook), S. 62.
  5.  Weichert, Stephan | Kramp, Leif | Welker, Martin (2015): Die Zeitungsmacher – Aufbruch in die digitale Moderne, Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN 978-3-658-02104-7 (eBook), S.43.
  6.  Langer, Ulrike auf Media Digital.de (09.05.2011): Digitaler Urknall – 5 Thesen zur Zukunft des Journalismus, http://medialdigital.de/2011/05/09/digitaler-urknall-5-thesen-zur-zukunft-des-journalismus/, 06.02.2016.
  7.  Matzat, Lorenz auf Datenjournalist.de (23.08.2013): Von der Interaktivität – Teil 1: Snowfall & Webdokus, http://datenjournalist.de/von-der-interaktivitaet-teil-1-snowfall-webdokus/, 06.02.2016.
  8.  Roth, Anne auf Carta.de (31.10.2012): Online-Tristesse, http://www.carta.info/50419/online-tristesse/, 06.02.2016.

Über Jörg Hartwig

Jörg Hartwig ist Mediengestalter, arbeitet zur Zeit als Studio-Kameramann & Cutter bei Studio 4A TV-Produktion GmbH und studiert M.A. Crossmedia an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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