Ein Besuch im virtuellen Regenwald

Chance virtueller Realität im non-fiktionalen Film.

Im letzten Frühjahr wurde ich auf dem Hot Docs Documentary zur Vorführung einer Virtual Reality Doku eingeladen. Das Festival fand in einer Universität statt und in der Sporthalle hatte man einige Schreibtischstühle aufgestellt und Mehrfachsteckoden verlegt. Die Vorführer der lobgepreisten Vorstellung waren zwei gelangweilte Studenten, die vor ihren Macbooks an einem kleinen Tisch lungerten. Ich setze mir Kopfhörer und eine ziemlich klobige VR-Brille auf, die fast genauso aussah, wie die Multimedia Brillen, die es auch schon in den 90er Jahren gegeben hatte. Man führte mich kurz in die Technik ein und bat mich darum, mich nicht zu sehr mit dem Stuhl im Kreis zu drehen. Das Kabel könne sich verhaken und die Brillen seien teuer. Und außerdem gibt es Menschen, denen sich schon nach wenigen Momenten der Magen umdreht. Ich muss kaum erwähnen, dass ich nicht mehr sonderlich viel von der Präsentation erwartete.

Ein kurzes Schwarzbild und plötzlich befinde ich mich mitten in der Hütte eines indigenen Volkstammes wieder. Vor mir sitzt eine alte Frau mit ledriger Haut und legt grüne Blätter auf eine Feuerstelle, es knistert und qualmt furchtbar. Ich blicke nach oben und sehe wie der Rauch aus einer Öffnung in der Decke steigt. Hinter mir murmelt etwas. Ich drehe mich herum und bemerke, dass noch andere Mitglieder des Stammes in der Hütte sitzen und mich ein wenig skeptisch anschauen. Sie schauen doch mich an, oder?

Natürlich wusste ich, dass ich in diesem Moment auf einem Schreibtischstuhl in einer Turnhalle in Toronto sitze und nicht in einer Stammeshütte im Amazonasgebiet. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich diesem Ort nie näher war. Dieses Phänomen heißt Immersion und ist der Grund dafür, dass virtuelle Realität dem dokumentarischen Erzählen neue Türen und Tore öffnen könnte.

Nach meinem Besuch im Regenwald habe ich außerdem noch mit einer Country Band in irgendeinem Wohnzimmer gejammt und bin über kanadische Fjorde geflogen. Nur der Blick nach unten hat mich manchmal daran erinnert, dass nicht ich fliege, sondern die Kameradrohne, die sich im Wasser spiegelte. Ansonsten wirkte alles ziemlich echt.

Die Immersion, also die Einbettung, oder das Eintauchen, ist so etwas wie das Rückgrat virtueller Realitätskonzepte. Je weniger wir uns in unserer echten Welt wahrnehmen und je stärker wir uns in der virtuellen Welt, oder in den Fußstapfen einer virtuellen Person wahrnehmen, desto stärker ist der Immersionseffekt.

Die Idee der virtuellen Realität ist uralt. Theoretische Gedankenspiele zur Wahrnehmung echter und fiktiver Räume finden wir schon in Platons Höhlengleichnis. In der Literatur, vor allem aber im Science Fiction Film, wurde das Konzept der virtuellen Realität rauf und runter exerziert.

VR-Filme aber, und damit meine ich Filme, in denen sich der Zuschauer dreidimensional durch den Film hindurch bewegen, oder zumindest die Kameraperspektive beliebig in einem 360° Winkel ändern kann, sind dagegen noch recht neu.

Die dafür nötige Technik blieb Jahrzehnte lang in den Kinderschuhen und war von einer massenkompatiblen Nutzung weit entfernt. Einen gewaltigen Sprung machte die Branche mit der Entwicklung der Rift Brille des Herstellers Oculus. Die Brille überzeugt vor allem mit ihrem 110° Display, das für den Träger keine sichtbaren Ränder aufweist. Und somit auch weniger Immersionsbruchstellen.

Mit diesem Gerät bewegte sich die VR Technik stark in Richtung des Filmgenres. Zuvor wurde VR lange als nächste große Revolution auf dem Spielemarkt gehandelt. Dabei ist sie hier eigentlich nur eine Auflösung der Bildschirmränder, denn Ego-Perspektiven und Rollentausch sind in Computerspiel längst ein alter Hut.

Im Film und gerade im non-fiktionalen Film, kommt die Möglichkeit sich frei bewegen und drehen zu können jedoch einem Paradigmenwechsel gleich. Dort hinzuschauen wohin ich möchte, gibt mir nicht nur das Gefühl an einem anderen Ort zu sein, sondern emanzipiert mich als Zuschauer zugleich von Kameramann, Regisseur und Cutter, die meinen Blick für gewöhnlich vorbestimmen. Euphorische Hersteller und Nutzer sprechen bereits vom Auflösen des journalistischen Framing und dem Durchbrechen der vierten Wand.

Da ich selber Dokumentarfilme produziere, frage ich mich, ob VR wirklich der Schlüssel zu neuen dokumentarischen Erzählformen ist, oder ob es sich nur um einen technischen Trend handelt. Wie den QR Code zum Beispiel, den man schon in wenigen Jahren belächelt.

Anders als im Land der unbegrenzten (finanziellen) Möglichkeiten, ist der deutsche Dokumentarfilm noch immer sehr stark von der öffentlich-rechtlichen Senderstruktur abhängig. Die ARD und das ZDF sind der Hauptgeldgeber für Produzenten und seit je her gilt: Kein Sender an Bord, bedeutet den Film nicht finanzieren zu können.
Die Produktion von 360° Filmen, die sich mit einer VR-Brille anschauen lassen, sind in auf Grund der Kameratechnik und der vergleichsweise aufwendigen Postproduktion, alles andere als kostengünstig.

Nehme ich einmal an, dass ich die Redaktion eines Senders für die Produktion eines Dokumentarfilmes mit VR Technik gewinne und die Lücken in der Finanzierung zu schließen weiß: Wie in aller Welt bekomme ich meine virtuelle Erfahrung denn in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer?

Allein die leistungsstarke Oculus Rift-Brille, kostet den Privatverbraucher stolze 350$. Von einer zielgruppengerechten Sendung kann hier nun wirklich nicht die Rede sein.

ARTE, das Doku-Flaggschiff und Vorreiter in Sachen „Neue Erzählformen“, hat schon im letzten Jahr vorgemacht wie es gehen kann. Die Bildgewaltige Reihe Polar Sea 360° wurde als konventionelle TV-Doku und als Webserie platziert. Darüber hinaus konnten sich die Arte Zuschauer eine eigens programmierte App herunterladen, über die man das 360° Abenteuer auch auf seinem Smartphone verfolgen kann. Dazu reicht ein faltbarer Pappkarton, in dem man sein Handy steckt und wie eine Brille vor das Gesicht hält. Das ist die Hardware! Nicht ganz in Oculus-Rift-Qualität, aber günstig und praktikabel.

Auch die New York Times hat mittlerweile eine eigene Plattform für VR-Kurzfilme ins Leben gerufen. Sie lassen sich neben einer Desktop Version, ebenfalls über ein Smartphone mit Pappaufsatz anschauen. Dazu verteilte die Times über 1,1 Millionen Exemplare der faltbaren Papieraufsätze an ihre Abonnenten. Es mag zwar noch ein wenig an die 3D Brillen aus den Ypps Heften erinnern, ist aber ein wichtiger Schritt, um die virtuelle Erzählform der breiten Masse verfügbar zu machen.

Wir gewöhnen uns jedoch relativ schnell an fremde Realitäten. Der Immersionseffekt kann am besten Aufrecht erhalten werden, indem den Zuschauern, bzw. Nutzern Interaktionsmöglichkeiten angeboten werden, die eine erneute Identifikation mit der virtuellen Person und Umgebung hervorrufen. Interaktive Interviewpassagen, die Auswahl von Protagonisten, oder das Betreten neuer Drehorte können im Doku Genre problemlos eingebettet werden.
Der Grad der Immersion ist aber auch erheblich von der Gestaltung der virtuellen Welt abhängig. Je konsistenter die Welt, je störfreier der Film, desto stärker die Erfahrung. Gerade der dokumentarische Film, der im Vergleich zum Spielfilm meist Low-Bugdet ist, lebt von der Spontanität und aus der Situation heraus. Perfekte geplante Drehabläufe, wie in fiktionalen Formen üblich, lassen sich beim dokumentarischen Filmen nur selten garantieren. Geschehen bewegende Momente zwischen Menschen, Tieren oder in der Natur, dann ist das meist nicht planbar, oder wiederholbar.
Auch der Schnitt, den wir in konventionellen Filmen längst nicht mehr wahrnehmen, kann in VR-Filmen einen Immersionsverlust hervorrufen.

Einige Produzenten von VR verzichten daher komplett auf selbst gedrehtes Material und erzählen ihre dokumentarischen Geschichten in animierten Welten. Nonny de la Peña gehört zu den Stars des „immersive storytellings“ und hat mit „Project Syria“ eine animierte Doku, einen Hybrid aus Spiel und Film geschaffen. Der Zuschauer wandert dabei durch ein 3D Modell der syrischen Stadt Aleppo und wird Zeuge des grausamen Alltags.
Der gesprochene Kommentar, fehlt bei Project Syria gänzlich. Der Zuschauer ist Zeuge und wird sich selbst überlassen.

Ein guter Dokumentarfilm muss Geschichten nicht auf einer reinen Kommentarebene, erzählen, sondern in Bild und Ton. Virtual Reality geht im besten Falle noch einen Schritt weiter und hebt die Erfahrung des Nutzers in den Vordergrund. Geschichten werden nicht nur erzählt, sondern erlebt.

Und das halte ich trotz aller technischen und konzeptionellen Herausforderungen denen man sich als Produzent stellen muss, für eine unglaublich spannende Idee. VR mag bisher „nur“ eine technische Plattform sein. Sie ermöglicht aber zugleich eine völlig andere Form des immersiven Erzählens.

Doch ob nun 360°, 3D, 2D, Film Foto oder Text. Am Ende sind die Geschichten, die Menschen zum lachen und weinen bringen oder zur Reflexion ihrer Umwelt bewegen. Daran ändert auch eine Datenbrille nichts.

Vielleicht ist es aber etwas anderes, wenn man einmal selbst im abgeholzten Regenwald gestanden hat – auch wenn es nur im Kopf passiert.

Über Markus Augé

Markus Augé studiert nebenberuflich Crossmedia an der Fachhochschule Magdeburg Stendal und arbeitet als Producer und Regisseur für die Produktionsfirma Florianfilm in Köln.

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