Schule 4.0: eine bildungspolitische Misere

Wenn Mirja Bilges an ihren damaligen Inhalt des Schulranzen denkt, dann kommen ihr Schulbücher, Mappen und Stifte in den Sinn. Dies waren die Materialien für Generationen von Schulkindern. Waren? Schaut Frau Bilges heute in den Schulrucksack Ihres Sohnes Tilman, dann sieht sie dort ein fast 1000 Euro teures Schultablet, den Mirja Bilges Ihrem Sohn für die Schule kaufen musste. Was hatte man Frau Bilges und ihrem Sohn am Vorstellungstag der neuen Schule nicht alles versprochen? Mit dem Tablet wird ihr Sohn von klein auf in der Schule auf die Digitalisierung vorbereitet, sodass im späteren Wettrennen um die guten Arbeitsplätze die digitale Schule die richtigen Weichen stellen kann. Das Tablet sollte das zentrale Medium im Unterricht werden. Bücher, Schulhefte und Stifte sollten nur noch veraltetes Beiwerk sein. Fragt Frau Bilges heute ihren Sohn, was er in der Schule alles mit dem Tablet gelernt bzw. erarbeitet hat, dann sieht sie oft nur ein Achselzucken als Antwort. Einzelfall oder vielmehr das systematische Resultat einer verfehlten Bildungspolitik? Eine Spurensuche.

Die Digitalisierung der Gesellschaft wird von zahlreichen Experten als die Industrialisierung 4. 0 bezeichnet. Radikale gesellschaftliche Umbrüche, die es im 19. Jahrhundert durch die Maschinen und die Fabrikarbeit gegeben hat, wird es auch heute wieder durch die Digitalisierung geben und wir stehen erst ganz am Anfang der digitale Revolution, so der bekannte Philosoph David Precht. War Deutschland im frühen 19. Jahrhundert zwar einerseits das Land der Dichter und Denker (Goethe, Schiller, Kant oder auch Hegel) so war es aber auch andererseits ein Agrar- und kein Industrieland. Damals hing Deutschland den führenden Industrienationen weit hinterher und dies solle sich heute bloß nicht wiederholen, so der einheitliche Tenor aller Parteien. Deutschland sollte im Wettlauf um besten Plätze im digitalen Zeitalter vorne mitmischen. Damit dies gelinge, müssten die Kinder bereits in der Schule mit allen möglichen digitalen Kompetenzen ausgestattet und ausgebildet werden. Ist diesmal Deutschland vorne mit dabei oder wie vor 200 Jahren erst einmal ein Hinterherläufer?

Relevante Studien wie u.a. die aktuelle Bertelsmann-Studie zeichnen ein anderes und irgendwie altbekanntes Bild. Deutschland ist wieder nicht auf den vorderen Plätzen zu finden. Weder im Bereich der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft noch in der Digitalisierung der Schulen. Schaut man sich die bildungspolitischen Debatten über die Parteigrenzen hinweg an, so scheint ein konzeptionsloser Aktionismus vorzuherrschen, um dann doch irgendwie den Anschluss an die vorderen Plätze in der digitalen Revolution zu erhalten. Doch wie konnte es soweit kommen?

Nena Blaume, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Bildungswissenschaften an der Universität Hannover, arbeitet in einem ganz frischen Projekt zur Digitalisierung und Schule. Warum gerade jetzt ein Forschungsprojekt zur Digitalisierung? Nena Blaume lässt uns ein wenig tiefer in die Karten blicken. „Inklusion war gestern, heute ist es die Digitalisierung“. Sie meint damit jedoch nicht, dass die Forschung über die schulische Inklusion keine neuen Ergebnisse mehr bringen würde und auch nicht dass die Inklusion in der Praxis passend umgesetzt werden würde. Ganz im Gegenteil. Doch die Digitalisierung ist so sehr ein Trendbegriff wie schulpraktisch schlecht umgesetzt. Dies soll durch das Projekt erforscht und Hilfestellungen für die Praxis geschaffen werden. Aber es wird doch nun seit einigen Jahren mit so genannten Tablet-Klassen oder ganzen Tablet-Jahrgängen die Digitalisierung in der Schule praktisch schon umgesetzt, frage ich nach. „Ja, es gibt bereits viele Schulen die ganzen Jahrgänge als Tablet-Jahrgänge bezeichnen. Doch was es nicht gibt, sind unterrichtspraktische Konzepte wie eine digital-kompetenter Unterricht auszusehen hat. Die Lehrkräfte können doch gar nicht in kompetenter Weise einen digitalisierten Unterricht durchführen, da sie niemals dafür ausgebildet worden sind. Weder im Studium, hier fehlt es vor allem an medienpädagogischen Professuren, noch im Vorbereitungsdienst.“

Schaut man in die Ausbildungsverordnungen des lehramtlichen Vorbereitungsdienstes (umgangssprachlich auch Referendariat genannt) findet das Wort „digital“ und Digitalisierung wie auch Internet keine Verwendung in den zu erreichenden Kompetenzen der Referendaren. Doch ist dies ein Einzelfall oder ein systematisches bildungspolitischen Versagen der Regierung. Ein resummierender Blick auf die letzten 15 Jahre zeigt, dass seit dem Pisa-Schock nur aktionistisch reagiert und nicht planvoll agiert worden ist. Dies jedoch stets zu Lasten der Lehrkräfte, so die GEW-Studie zur Arbeitsbelastung der Lehrkräfte.

Kann dies alles stimmen oder zeigt die bisherige Darstellung eine zu einseitige Darstellung der Digitialisierungs-Situation im Schulbereich auf? Die Landesregierung stellt sich zumindest so dar, dass bereits mit dem Koalitionspapier 2013 die Weichen für die Digitalisierung in Schulen gestellt worden ist. In der Folgezeit sind Projekte wie „mobiles lernen-21“ (Tablet Klassen), „Digital Deutsch lernen“ (Förderung des Spracherwerbs für Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund und landesweiten Bildungscloud-Konzept (Internet-Lehr-Lernangebote für Schulen) umgesetzt worden. Doch war es im Jahre 2013 nicht schon ein wenig zu spät, um proaktiv die Digitalisierung mitzugestalten?

Ein Blick in das aktuelle Koalitionspapier der niedersächsischen SPD und CDU gibt uns die Antworten, bestätigt es doch das bildungspolitische Versagen mindestens der letzten beiden Legislaturperioden. Wenn die Digitalisierung auch nur annähernd erfolgreich in den Schulen umgesetzt worden wäre, dann bräuchte es nicht einen „Masterplan Digitalisierung“, in welchem das Lehramtsstudium, der Vorbereitungsdienst, insgesamt die Lehrkräfteaus-, -fort- und -weiterbildung der Digitalisierung angepasst werden. Auch müssten nicht erst heutzutage 1000 neue Stellen für Lehrkräfte geschaffen werden. Waren die Bildungspolitiker im Kulturministerium einfach nur inkompetent oder waren die Einsparungen von tausenden Lehrer-Stellen nicht ein zu großer Anreiz? Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

So packt Tilman jeden Abend seinen Schulrucksack. Jeden Abend wird auch das 1000-Euro-Schultablet eingepackt. Doch wie oft wird es auspackt und kompetenzfördernd benutzt? So wie Tilman geht es heutzutage vielen Schulkindern. Außen hui, außen die Werbebotschaften der digital-kompetenten Schule, innen …

Ein Sprichwort sagt, „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. So in der Art sieht es wohl auch in der Digitalisierung des Unterrichts aus. Die Idee ist gut, doch die Regierung, Schule, der Lehrkräfte, die Ausbildung, die Infrastruktur noch nicht annähernd bereit.

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Hier geht es zum Video mit 5 Fragen an die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Hannover / Bereich Bildungswissenschaften/ Nena Blaume

Torben Noetzel

Modul M1 / Journalismus: Aufgabe: Bearbeiten Sie ein Thema, dass sich mit der Problematik Digitalisierung im weiteren Sinne befasst. / Leben und Arbeit von morgen.

A vector illustration of kids in a computer programming class. Torben Noetzel

 

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