Die Mär vom Beratungsklau

Wie der Einzelhandel die Chancen der Digitalisierung übersieht

Von Martin Spingys

Der Onlinehandel wächst und der Einzelhandel stöhnt. Deutschland steht weltweit zurzeit auf Platz fünf beim Umsatz im Onlinehandel. Einfachere Bezahlsysteme für Mobilgeräte könnten wie schon in China einen weiteren Schub verursachen. 40 Mrd. Euro Umsatz (lt. HDE) sollen in den nächsten Jahren in den Onlinehandel abwandern.  40-50 000 Geschäfte werden dann aus deutschen Städten verschwinden.

Dramatische Zahlen, doch beim Ministerium für Wirtschaft in NRW sieht man die Situation erstaunlich gelassen. Eine der ersten Maßnahmen nach dem Regierungswechsel im letzten Jahr war die Einlösung eines Wahlversprechens, die Umsetzung eines ersten sogenannten Entfesselungspaktes. Er soll die Wirtschaft im Land nach vorne bringen. Insgesamt sind Streichungen, Änderungen und Vereinfachungen an 13 Gesetzen und drei Rechtsverordnungen vorgesehen. Mit dabei: die Modernisierung des Ladenöffnungsgesetzes.

(https://www.wirtschaft.nrw/pressemitteilung/landesregierung-beschliesst-massnahmen-zum-buerokratieabbau)

Dazu Dr. Peter Scholz vom Wirtschaftsministerium NRW:

 

Nicht in allen Branchen nimmt der Onlinehandel gleichermaßen zu, in machen stagniert er sogar schon wieder, z.B. den Consumer Electronics.

Doch dies ist kein Grund zur Entwarnung für den ehemaligen Metro-Manager Frank Rehme. Er nennt sich “Zukunftsmacher” und entwickelt Konzepte für Städte, die der Konkurrenz durch den Onlinehandel etwas entgegensetzen möchten. Sein Urteil: Die Probleme sind zum großen Teil selbst verursacht. Ein verändertes Kundenverhalten werde ignoriert, ebenso könne der Handel seine neue Aufgabe als Freizeitangebot nicht zu den Zeiten, an denen Verbraucher Zeit haben, verwirklichen. Das Internet habe immer geöffnet und die Stores seien weltweit beheimatet. Eine Realität, der man sich möglichst kurzfristig stellen müsse.

Frank Rehme, Gründer der Beratungsagentur „ZukunftdesEinkaufens“, Düsseldorf:

 

Drei Maßnahmen hat die Stadt Langefeld im Rheinland gemeinsam mit Rehme entwickelt und umgesetzt.

Ihre Hauptaufgabe sieht die Stadt darin, sich als moderne Einkaufsmöglichkeit zu positionieren und für die Kunden die Hürden auf dem Weg zum Geschäft zu reduzieren.

Konkret bedeutet dies: Cityfeste und digitale Schaufenster, die über die Waren im Geschäft informieren, ebenso wie Projekte, die den örtlichen Einzelhändler dabei unterstützen, im Internet besser aufgefunden zu werden. Doch der wichtigste Baustein sei das computergesteuerte System “Stadtschlüssel”, so der City-Manager der Stadt Langenfeld, Jan Christoph Zimmermann. Ein Mini-Chip ermöglicht, dass in Läden, Gaststätten oder Dienstleistungsbetrieben auf einem Konto Bonuspunkte gutgeschrieben werden, z.B. um damit gratis zu parken. Sechs Monate nach der Einführung des Stadtschlüssel nehmen schon über 2000 Langenfelder teil.

Jan Christoph Zimmermann, Citymanager der Stadt Langenfeld

 

Andreas Pollok war einer der Ersten, die bei “Future City Langenfeld” mitgewirkt haben. Er betreibt seinen Handarbeitsladen etwas abseits der Hauptgeschäftsstraßen. Für ihn war es schon immer überlebenswichtig, seine Kunden mit kreativen Ideen auf sein Geschäftlokal aufmerksam zu machen. Mit der zunehmenden Konkurrenz durch das Internet hat diese Fähigkeit noch an Bedeutung gewonnen.

 Andreas Pollok, Geschäftsführer + Eigentümer des „Kreativhaus Langenfeld“

 

Das Beispiel von Andreas Pollok zeigt: Der Einzelhandel hat Stärken, die nicht durch den Onlinehandel ersetzt werden können. Die Zukunft des stationären Einzelhandels hängt also entscheidend davon ab, wie gut es ihm gelingt, diese Stärken zu erkennen und auch umzusetzen. Die intelligente Einbeziehung des Internets spielt dabei eine wichtige Rolle. Wo sie mit innovativen Konzepten gelingt, können für die Kunden neue Einkaufsmöglichkeiten entstehen, die weit über die Versorgung mit Waren hinausgehen.

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